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Hilfe, der Chef sitzt mit am Tisch! Über hierarchische Unterschiede zwischen Deutschland und den Niederlanden.

Vor einiger Zeit kam, mitten in einem Seminar, ein Teilnehmer auf mich zu. „Frau Lindhoud“, sagte er mir, „jetzt verstehe ich, warum die Dinge in den Niederlanden anders laufen und ich mich umsonst unbehaglich gefühlt habe.“ Klar, über solche Erkenntnisgewinne freut man sich als Trainerin immer 😉 Da wollte ich natürlich wissen, was passiert sei und warum er sich unwohl gefühlt habe.

Es war sein erster Arbeitstag als deutscher Praktikant in einem niederländischen Unternehmen. Zusammen mit seinen neuen Kollegen hat er sich in der Mittagspause in der Kantine an einen Tisch gesetzt. Alles war okay – bis sich sein neuer Chef dazu setzte und anfing, sich locker mit allen zu unterhalten. Mein Seminarteilnehmer fühlte sich jedoch ganz und gar nicht entspannt! Er schaute nach links und nach rechts, ob sich seine neuen Kollegen genauso unbehaglich fühlten wie er selbst. Fehlanzeige! Sie plauderten unbeschwert weiter, als ob nichts geschehen sei.

Es dauerte noch einige Mittagspausen, bis er sich langsam beruhigte und die Situation so betrachtete, wie sie in niederländischen Augen ist: als völlig normal. Erst durch das Seminar konnte er die Situation richtig einordnen und verstehen, was flache Hierarchien, Duzen und Kommunikation auf Augenhöhe in der Praxis bedeuten.

Auf zu einem agilen und hierarchiefreien Deutschland?

Es ist einer der größten kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und den Niederlanden: Hierarchien – allem voran ihre Auswirkungen auf den Umgang miteinander und auf Prozesse innerhalb von Unternehmen und Organisationen. Fühlen sich Niederländer sehr wohl beim informellen Umgang, so löst dies bei manchen Deutschen ein Gefühl von Unbehagen aus. Ihnen sind eher die Distanz, die ein hierarchisches Verhältnis mit sich bringt, und das damit einhergehende Gefühl von Respekt wichtig.

Jetzt könnten Sie meinen, dass diese Unterschiede unter dem Einfluss von New Work und Agilität wohl bald verschwinden und wir in einer hierarchiefreien Welt arbeiten würden. Weit gefehlt! In Deutschland sind Hierarchien noch fest verankert. Nicht nur in Unternehmen und Organisationen selbst, sondern – und das ist viel wichtiger – in den Köpfen von Führungskräften und Mitarbeitern.

Ohne Hierarchie keine Leistung

Der diesjährige Hernstein Management Report, für den über 1.500 deutsche und österreichische Führungskräfte befragt wurden, spricht eine klare Sprache. 53 % der Befragten waren der Meinung, dass Ihre Mitarbeiter ohne Hierarchie nicht richtig arbeiten und ihre Leistung nicht ordnungsgemäß erbringen könnten. 82 % von ihnen war mit der vorherrschenden Hierarchie im Unternehmen einverstanden. Agiles Arbeiten ist in deutschen Managementzeitschriften zwar ein Dauerthema, so richtig gelebt wird es offenbar nicht! Und das bedeutet, dass Hierarchien in der deutsch-niederländischen Zusammenarbeit nach wie vor eine Rolle spielen.

3 Tipps, wie Sie den hierarchischen Graben überbrücken

Was können Sie nun tun, um den „hierarchischen Graben“ zwischen Deutschen und Niederländern zu überbrücken? Hier 3 Tipps für eine deutsch-niederländische Zusammenarbeit mit Wohlfühlfaktor 😉

1. Berücksichtigen Sie das Bedürfnis und die Wertvorstellungen des anderen

Aus deutscher Sicht schaffen Hierarchien klare Verhältnisse. Jeder kennt seine Position, seine Rolle und weiß, was zu tun ist. Dies entspricht dem Bedürfnis vieler Deutscher nach Sicherheit, ein Bedürfnis, das in den Niederlanden deutlich weniger ausgeprägt ist. Stattdessen spielt dort die Zusammenarbeit eine große Rolle: Wir sind alle ein Team, legen daher wenig Wert auf formalen Positionen und verzichten auf einen formellen Umgang.

Das Duzen und die Anrede mit Vornamen auf niederländischer Seite sowie das Siezen und die Anrede mit Nachnamen auf deutscher Seite sind sichtbare Merkmale der Kultur. Nicht sichtbar sind die Wertvorstellungen, die dem zugrunde liegen: „Gleichwertigkeit“ in den Niederlanden, „Respekt“ in Deutschland.

Was aus deutscher Sicht also häufig als Mangel an Klarheit und Respekt gesehen wird, ist nichts mehr – aber auch nichts weniger – als eine andere Wertvorstellung, ein anderes Bedürfnis. Hierdurch ist der „hierarchische Graben“ natürlich nicht auf Anhieb verschwunden 😉 Aber vielleicht doch besser nachvollziehbar.

Wie kann man nun dafür sorgen, dass sich alle wohl fühlen?

Die meisten Niederländer wissen, dass der Umgang in Deutschland formeller ist. Erklären Sie, dass der formelle Umgang für Sie ein Zeichen von Respekt ist. Vereinbaren Sie bei einer intensiven Zusammenarbeit, wie zum Beispiel in einem deutsch-niederländischem Projektteam, wie Sie miteinander umgehen – und respektieren Sie die Entscheidung.

2. Nutzen Sie die zusätzlichen Handlungsoptionen

Beide Kulturen haben aufgrund ihrer Geschichte ein anderes Verständnis von Hierarchien. Das kann man gut oder schlecht finden – es ist erst einmal eine Gegebenheit, die Sie allein so schnell nicht verändern können, auch wenn Sie es vielleicht gerne mochten! Besser ist es, sich diesen Unterschied bewusst zu machen und die zusätzlichen Handlungsoptionen der flachen niederländischen Hierarchien zu nutzen, so zum Beispiel:

Kurze Dienstwege

In Deutschland dauert es manchmal lange, bis Entscheidungen getroffen werden. Niederländische Sachbearbeiter haben im Vergleich zu ihren deutschen Kollegen mehr Entscheidungsspielräume und dürfen in bestimmten Angelegenheiten selbstständig entscheiden. Und das kann dann durchaus schnell gehen!

Sie können sich sogar überlegen, Hierarchiestufen zu überspringen und direkt zum Hauptverantwortlichen zu gehen – in den Niederlanden ist das häufig kein Problem. Ist Ihnen bei diesem Gedanken doch etwas mulmig? Dann fragen Sie bei Ihrem Ansprechpartner nach und lassen Sie sich genau darüber aufklären, was geht und was nicht. So können Sie Risiken und Nebenwirkungen richtig einschätzen und den für Sie stimmigen Weg wählen.

Gedankenaustausch

Niederländische Meetings sind dazu da, Meinungen und Gedanken auszutauschen und auf dieser Grundlage Entscheidungen zu treffen. Auch Sie können also Ihre Gedanken und Meinungen einbringen und zusammen mit ihren Gesprächspartnern über Ihre Vorschläge – und ja, auch über Gegenvorschläge! – diskutieren. Zusammen weiß man schließlich mehr als jeder für sich allein.

Was auf Außenstehende manchmal etwas chaotisch wirkt, hat letztendlich ein Ziel: Zusammen an einem Strang zu ziehen und gemeinsam die bestmögliche Lösung zu finden. Damit kämpft man schon seit Jahrhunderten erfolgreich gegen das Wasser und auch heute ist diese Vorgehensweise das grundlegende Prinzip des erfolgreichen niederländischen Poldermodells.

3. Kommunizieren Sie

Eine Binsenweisheit, aber dennoch: Missverständnisse entstehen selten, weil man zu viel, sondern häufig, weil man zu wenig kommuniziert. Viele Irritationen – gerade in der Zusammenarbeit mit anderen Kulturen – sind vermeidbar,

  • indem man sich in die andere Kultur vertieft;
  • indem man nicht von Annahmen ausgeht, sondern bei Unklarheiten tatsächlich nachfragt;
  • indem man reflektiert, warum man sich in bestimmten Situationen unwohl fühlt;
  • indem man sich bemüht, sich trotz der Unterschiede gegenseitig zu verstehen und
  • indem man aufeinander zugeht und miteinander (und nicht übereinander!) spricht.

Der Unterschied zwischen deutschen und niederländischen Hierarchien wird noch eine Weile so bleiben. Wenn man sich darauf einstellt, sollte das aber kein Stolperstein sein. Bleiben Sie offen und stellen Sie Fragen, wenn Sie besser verstehen wollen.

Dabei wünsche ich Ihnen viele gute Kontakte und eine erfolgreiche Zusammenarbeit!

Autor:

Interkulturelle Trainerin, Beraterin und Change-Managerin. Bringt interkulturelle Kommunikation in Einklang. Denn Kommunikation verbindet.

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