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Auf der anderen Seite der Mauer

Kennen Sie das Phänomen? Dass man beim Hören eines Songs im Radio sofort an etwas denkt, an eine bestimmte Person oder Situation? Ich kenne auf jeden Fall einen solchen Song. Er ist schon etwas älter und wird nicht mehr so häufig gespielt. Aber sobald ich ihn höre, gehe ich in Gedanken zurück in die Zeit meiner Klassenfahrt in die DDR. Wir sitzen im Bus an der innerdeutschen Grenze und ein DDR-Zollbeamter kontrolliert mit eisigem Blick meinen Reisepass. Oder ich denke an den anderen Moment, wenige Tage später. Inzwischen sind wir in West-Berlin, genießen das Gefühl der Freiheit und sprühen mit Graffiti „CLV 86“ (Christliches Lyzeum Veenendaal, 1986) auf die Mauer.

Der Song, der mich immer zurück in diese Zeit versetzt, heißt „Over de Muur“ der niederländischen Band Klein Orkest. Das Graffiti gibt’s natürlich nicht mehr. Verschwunden, wie die Berliner Mauer. Am 09. November war der Mauerfall 30 Jahre her. Zumindest der physische Mauerfall. Ist die Mauer aber in den Köpfen der Menschen, der Deutschen im Osten und Westen Deutschlands, auch gefallen?

Auf den ersten Blick sieht es ganz danach aus. Wer jetzt durch die alten Bundesländer fährt, sieht die von Bundeskanzler Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“: gut ausgebaute Autobahnen, ohne die vielen Schlaglöcher der Autobahnen im Westen, und hübsch renovierte Städte. Manche sind inzwischen zu richtigen Touristenmagneten gemausert, wie z.B. Berlin oder Dresden. Mittlerweile ist schon wieder eine ganze Generation herangewachsen, die nur eine Frau – aus der DDR – an der Spitze der deutschen Regierung kennt. Das haben die Niederländer immer noch nicht geschafft 😉

Unterschiede zwischen Ost und West weiterhin groß

Es gibt jedoch eine ganz andere Seite. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer sind die Unterschiede zwischen Ost und West immer noch groß. Das geht aus einer Studie des Leibniz-Insituts für Wirtschaftsforschung aus Halle hervor. Die Wirtschaft im Osten bleibt weiterhin hinter der im Westen zurück. Im Jahr 2017 lag die Produktivität in den neuen Ländern bei 82 % des Westniveaus. Auch das Lohnniveau ist im Osten 28 % niedriger als der gesamtdeutsche Durchschnitt. Wenn man sich dann vor Augen führt, dass viele Ostdeutsche nach der Wende arbeitslos wurden, weil viele DDR-Unternehmen veraltet waren und geschlossen wurden, dann wird klar: Der Alltag dieser Rentner sieht nicht sehr rosig aus.

Wie kommt es, dass die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland nach wie vor so hoch sind? Eine erste Erklärung liefert die Ansiedlung von Großkonzernen. Nur 7 % sind im Osten angesiedelt, 93 % hingegen im Westen. Aber das ist nicht der einzige Grund.

An zweiter Stelle steht eine verfehlte Subventionspolitik. Milliarden an Subventionen sind an Unternehmen geflossen, unter einer Bedingung: Arbeitsplatzerhalt. Unternehmen wurden auf diese Weise dazu verleitet, in den Erhalt von teilweise nicht benötigten Arbeitsplätzen zu investieren, nur, um die Subvention nicht zu verlieren. In dieser Hinsicht waren die Subventionen also kontraproduktiv.

Ein dritter Grund ist schließlich der sogenannte Braindrain. Viele hoch ausgebildete Menschen haben den Osten Deutschlands verlassen und sind in den Westen gezogen. Aufgrund der höheren Löhne ein logischer Schritt. Verlassen jedoch zu viele gut qualifizierte Menschen eine Region, dann leidet darunter nicht nur die Attraktivität der Region selbst, sondern auch der dort ansässigen Unternehmen. Für diese wird es immer schwieriger, an gutes Personal zu kommen, was wiederum die Produktion und damit die Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens beeinträchtigt usw.

Kein Wunder, dass sich die Menschen in den neuen Ländern zurückgestellt fühlen. Und das hat Folgen. Eine dieser Folgen ist, dass Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit im Osten eine größere Rolle spielen als im Westen. Dies hat nicht nur mit der wirtschaftlichen Lage in den neuen Ländern zu tun.

Tiefe Heimatgefühle

In ihrem Buch “Zur rechten Zeit” analysieren drei Historiker die Rückkehr des Nationalismus und Rechtsradikalismus in Deutschland aus einer historischen Perspektive. Die Forscher haben dabei beobachtet, dass sich eine Symbiose aus westdeutschem Nationalkonservatismus und ostdeutschem Lokalpatriotismus herausgebildet hat. Letzteren kann man in einem Begriff zusammenfassen: Heimat – dort, wo man sich zu Hause fühlt, die vertraute Umgebung und vor allem die emotionale Bindung damit. Die tiefen Gefühle, die dieser Begriff auslöst, wurden durch die DDR-Führung aufgegriffen und gezielt benutzt. Freies Reisen war bekanntlich nicht möglich und so sollte die Liebe zur Heimat, zur vertrauten Umgebung, das Reisen ersetzen. Auch das Engagement für die Heimat wurde begrüßt und gefördert. Für die DDR-Bürger war Heimat ein wichtiger Begriff, gleichzeitig die Vorstellung von etwas Geschlossenem, in dem für fremde Einflüsse keinen Platz war.

Darüber hinaus spielten unterschiedliche Anschauungen und Ideale eine Rolle. In der DDR bekam jeder einen Teil vom Ganzen. Der Staat kümmerte sich und um das Existenzminimum brauchte man sich keinen Kopf zu machen. Aus Untersuchungen geht hervor, dass Menschen aus Ost-Deutschland Werte wie soziale Gleichheit für wichtiger halten als individuelle Freiheit, während dies in West-Deutschland genau umgekehrt ist.

Weniger Gründer

Möglicherweise spielt dies auch im Bereich der Unternehmensgründungen eine Rolle. Nach dem Global Entrepreneurship Monitor 2018/2019 beträgt die Gründungsquote in West-Deutschland 5,2 %, im Osten hingegen 3,9 % – inklusive trendy Berlin mit seinen vielen Start-Ups im kreativen Bereich. Ohne Berlin wäre die Gründungsquote deutlich niedriger. Einen Grund dafür sehen die Forscher in den Erfolgschancen für Gründer: diese werden im Westen besser bewertet als im Osten. Ich vermute jedoch, dass die Präferenz für individuelle Freiheit im Westen hier ebenfalls eine Rolle spielt.

Die Mauer zwischen Ost und West existiert immer noch. Es ist jedoch keine Mauer aus Stein und Beton, sondern eine wirtschaftliche Mauer und eine Mentalitätsmauer. Ich erwarte, dass es noch viele Jahre dauert, bis auch diese Mauer gefallen ist. Und während ich diese Zeilen schreibe, spielt das niederländische Radio „Over de Muur“.

Autor:

Interkulturelle Trainerin, Beraterin und Change-Managerin. Bringt interkulturelle Kommunikation in Einklang. Denn Kommunikation verbindet.

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