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Niederländisch-deutsche
Zeitplanung gekonnt gemacht

Deutsch-niederländische Zeitplanung gekonnt gemacht

Sie haben gerade den Zuschlag für ein interessantes Projekt bekommen und freuen sich natürlich sehr. Nun wollen Sie Ihre Kollegen mit dem Projekt und den Einzelheiten vertraut machen. Wie gehen Sie das an?

Als Niederländer werden Sie wahrscheinlich eine kurze, knackige Präsentation halten, bei der Sie auf die wichtigsten Informationen, einen kurzen Handlungsrahmen und eine grobe Planung eingehen. Auf Fragen nach eventuellen Schwierigkeiten oder Problemen reagieren Sie gelassen: „Sollten Probleme auftauchen, dann ist es noch früh genug, sich damit auseinanderzusetzen“. Anschließend machen Sie und Ihr Team sich voller Begeisterung an die Arbeit, um etwas Schönes daraus zu machen.

Sind Sie Deutscher, dann werden Sie die Sache wahrscheinlich anders angehen. Selbstverständlich sind Sie genauso froh wie Ihr niederländischer Kollege. Daher erstellen Sie eine umfangreiche Präsentation, die der Wichtigkeit des Projekts gerecht wird. Sie stellen das Projekt einschließlich der Vorgeschichte in allen Einzelheiten vor und darüber hinaus haben Sie einen ausführlichen Handlungsrahmen sowie eine genaue und strukturierte Planung vorbereitet. Auch auf eventuelle Schwierigkeiten haben Sie sich gut vorbereitet und Fragen der Kollegen können Sie bis ins Detail beantworten. Nach der Präsentation wissen alle exakt, was wann zu tun ist.

Diese Unterschiede sind natürlich ein wenig dick aufgetragen, aber dennoch dürfte die Tendenz klar sein: Niederländer und Deutsche haben unterschiedliche Vorstellungen, wie eine gute Zeitplanung aussieht. Aus niederländischer Sicht planen Deutsche viel weiter in die Zukunft und teilen sie ihre Zeit strukturierter ein. Umgekehrt wird vielen Deutschen bang ums Herz bei der in ihren Augen eher schlampigen Zeitplanung der Niederländer.

Zeit ist linear

In den Niederlanden sowie in Deutschland hat man, wie in den meisten protestantisch geprägten Ländern, eine eher lineare Auffassung über Zeit. Edward T. Hall, ein amerikanischer Anthropologe und einer der Begründer interkultureller Theorien, bezeichnet solche Kulturen als „monochron“. Die Zeit läuft wie eine Linie von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft – praktisch bei der Planung der Arbeit oder des Tagesablaufs. Nicht umsonst haben Kapitalismus und Industrialisierung ihren Ursprung in protestantischen Ländern. Zwar ist Deutschland teilweise katholisch geprägt, aber die Katholiken brauchten im 19. Jahrhundert nicht lange, um sich vom Erfolg der Industrialisierung überzeugen zu lassen.

Auch wenn protestantisch geprägte Länder ihre lineare Zeitauffassung gemeinsam haben, unterscheidet sich das Ausmaß: So hat man in den Niederlanden einen pragmatischeren Umgang mit Zeit als in Deutschland. Für ein besseres Verständnis solcher Kulturunterschiede greifen interkulturelle Theorien zu kurz. Hier lohnt es sich, einen Blick auf die Entstehungsgeschichte der jeweiligen Kulturen zu werfen.

Back to the roots

Betrachtet man die Niederlande, dann fallen sofort zwei Dinge auf: die Lage am Wasser und die lange Handelstradition. Die geografische Lage zwang die Bewohner der „niederen Lande“ dazu, schnell und flexibel auf drohende Überschwemmungen zu reagieren. Natürlich gab und gibt es Notfallpläne, aber wenn das Wasser unvorhergesehene Schlupflöcher findet, ist schnelle Improvisation angesagt. Eine praktische und auch im internationalen Handelsverkehr erforderliche Fähigkeit, die den Niederländern im Goldenen 17. Jahrhundert viele Vorteile brachte und immer noch bringt. Und so hat sich diese Eigenschaft im Laufe der Zeit immer mehr durchgesetzt.

In Deutschland hingegen ist man davon überzeugt, dass eine systematische und strukturierte Planung die beste Lösung zur Bewältigung anstehender Aufgaben ist. Im Grunde ist dies die zeitliche Variante der deutschen Vorliebe für Regeln und Strukturen. Die Ursache hierfür liegt in der Vergangenheit. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war Deutschland ein Flickenteppich aus kleinen Staaten und Fürstentümern. Oft wurden diese von einem absolutistischen Herrscher regiert, der das Leben seiner Untertanen bis ins kleinste Detail regelte und dabei auch gerne zeitliche Vorschriften machte. Schwere Krisen, wie der 30-jährige Krieg oder die Kriege des 20. Jahrhunderts, verstärkten die Sehnsucht nach Stabilität und Ordnung. Und so haben viele Deutsche auch heute eine Vorliebe für eine detailgenaue Zeitplanung und überlassen am liebsten nichts dem Zufall.

Empfehlung für Niederländer

In Deutschland möchte man gerne alles genau wissen und hat man eine klare Präferenz für eine strukturierte Planung. Berücksichtigen Sie dies, zum Beispiel, wenn Sie in Deutschland eine Projektpräsentation halten. Gehen Sie mehr ins Detail als in den Niederlanden, nennen Sie mehr Daten, Fakten und Hintergrundinformationen und setzen Sie sich vorher mit möglichen Schwierigkeiten und Problemen auseinander. Kalkulieren Sie diese in Ihre Zeitplanung ein.

Empfehlung für Deutsche

In den Niederlanden arbeitet man normalerweise mit einem weniger festen Zeitrahmen als in Deutschland, da man flexibel auf unvorhergesehene Situationen reagieren möchte. Fassen Sie sich daher kurz und bündig, nennen Sie weniger Details, Daten und Fakten und planen Sie mehr Pufferzeiten für unerwartete Situationen ein.

Eine niederländische Version dieses Blogs ist erschienen auf aha24x7.

Autor:

Interkulturelle Trainerin, Beraterin und Change-Managerin. Bringt interkulturelle Kommunikation in Einklang. Denn Kommunikation verbindet.

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